{"id":66,"date":"2016-09-02T17:56:51","date_gmt":"2016-09-02T17:56:51","guid":{"rendered":"https:\/\/utegliwa.de\/?p=66"},"modified":"2020-04-30T12:19:04","modified_gmt":"2020-04-30T12:19:04","slug":"voegeln-zwitschern-tirilieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/utegliwa.de\/index.php\/2016\/09\/02\/voegeln-zwitschern-tirilieren\/","title":{"rendered":"V\u00f6geln, zwitschern, tirilieren"},"content":{"rendered":"\n<p>Was macht eine Stimme erotisch? Wieso verstr\u00f6men Menschen, die auf der B\u00fchne stehen und singen, oft eine fast magische sexuelle Anziehungskraft? Dabei m\u00fcssen sie nicht einmal \u201esch\u00f6n\u201c singen, oft ist sogar das Gegenteil der Fall.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-medium\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"200\" src=\"https:\/\/utegliwa.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/ines-theileis-300x200.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-161\" srcset=\"https:\/\/utegliwa.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/ines-theileis-300x200.jpg 300w, https:\/\/utegliwa.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/ines-theileis-768x512.jpg 768w, https:\/\/utegliwa.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/ines-theileis.jpg 900w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Man\nlernt nie aus, nicht einmal bei den Dingen, die einem am\nvertrautesten sind, die man Tag f\u00fcr Tag um sich hat oder seit vielen\nJahren tut. Ich glaubte, meinen K\u00f6rper sehr gut zu kennen, immerhin\nbetreibe ich seit fr\u00fchester Kindheit intensiv Sport.\nK\u00f6rperbeherrschung in dem Sinne, dass man sich von mangelnden\nk\u00f6rperlichen F\u00e4higkeiten nicht in seinen Aktivit\u00e4ten einschr\u00e4nken\nl\u00e4sst, war mir immer schon wichtig. Ebenso wie das ungehemmte\nAusleben meiner Sexualit\u00e4t \u2013 dem Gegenpol disziplinierter\nK\u00f6rperert\u00fcchtigung. Dort geht es zwar auch um den K\u00f6rper, aber\ndarum loszulassen, sich fallen zu lassen, sich zu vergessen und\nhinzugeben. Dass es dazwischen aber noch eine weitere Facette der\nK\u00f6rperbet\u00e4tigung gibt, die beide Seiten \u2013 K\u00f6rperanspannung und\nLoslassen \u2013 erfordert und vereint, erfuhr ich k\u00fcrzlich mit\nStaunen. Beim Gesangsunterricht!<\/p>\n\n\n\n<p>Viele\nMenschen glauben, dass man entweder singen kann oder nicht, aber das\nist Unsinn. Die entscheidende Frage ist n\u00e4mlich: Kann ich meinen\nK\u00f6rper so benutzen, dass ich damit singen kann? Manche k\u00f6nnen das\nintuitiv, andere m\u00fcssen es lernen, aber lernen kann es jeder.\nAnstatt um Stimmb\u00e4nder, Stimmlippen und Mundh\u00f6hle geht es beim\nSingen viel mehr um K\u00f6rperhaltung, um die Atmung und \u2013 um den\nBeckenboden. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Ach!\nImmerhin wei\u00df ich um seine bedeutende Rolle in der Sexualit\u00e4t, aber\nbeim Singen, wer h\u00e4tte das gedacht. Nat\u00fcrlich ist der Beckenboden\nein Muskel bzw. eine Ansammlung von Muskeln und kein Sexualorgan. Man\nbraucht ihn zu allem. \u201eLeider lernt man das nicht unbedingt bei\njedem Lehrer\u201c, erz\u00e4hlt Ines Theileis, diplomierte Gesangsp\u00e4dagogin\nund Sprecherzieherin in Berlin Friedrichshain. \u201eOft muss man sich\ndas m\u00fchsam und durch lange Erfahrung selbst erarbeiten. Richtig gute\nS\u00e4nger benutzen ihren Beckenboden, und das h\u00f6rt man\u201c, erkl\u00e4rt\nsie weiter. Ich sp\u00fcre es sofort am eigenen Leib. Dabei ist es nicht\nso, dass die Stimme den Beckenboden f\u00fchrt, sondern umgekehrt. Der\nBeckenboden f\u00fchrt die Stimme, er f\u00fchrt sie durch den ganzen K\u00f6rper,\ndurch den Bauch, die Brust die Kehle hinauf. Wer mit dem Beckenboden\nsingt, hat den Sex quasi in der Stimme. Sie kann also gar nicht\nanders als erotisch klingen. Zugegeben, zum Singen geh\u00f6ren auch Mut\nund Leidenschaft und Selbstinszenierung, auch dies sind sexuell\nanziehende Eigenschaften. Aber selbst als \u201eUnwissender\u201c h\u00f6rt man\ndas sexuelle Potential intuitiv in der Stimme. Menschen, die so mit\nihrem Beckenboden umgehen k\u00f6nnen, m\u00fcssen einfach hei\u00df sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei\nhat nat\u00fcrlich jede Zeit ihre Ideale, nicht nur was k\u00f6rperliche\nSch\u00f6nheit und Mode betrifft, sondern auch bei der Stimme \u2013 passend\nzur Sexualmoral der jeweiligen Zeit \u00fcbrigens. Im Europa der 50er\nJahre zum Beispiel sangen die Frauen im wahrsten Sinne des Wortes\nzusammengekniffen. Und Soul, f\u00fcr den man definitiv einen lockeren,\noffenen Beckenboden braucht, kam nicht ohne Grund zur Zeit der\nsexuellen Befreiung um 1968 in Mode. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Im\nGesangsunterricht bei Ines Theileis lernt man nicht \u201esch\u00f6n\u201c zu\nsingen. Singen ist nicht brav, singen ist Rebellion, Dreistigkeit,\nSchmerz und Leidenschaft. Bei Ines singt man mit \u201eDreck\u201c in der\nStimme, gern als w\u00e4re man schlecht gelaunt, kampflustig oder\nbetrunken. Die B\u00fchne ist der einzige Ort, an dem schlecht gelaunte\nFrauen sozial akzeptiert sind und gar gefeiert werden. Und nachdenken\nist beim Singen auch nicht erw\u00fcnscht. \u201eAm besten ist es, wie eine\nWundert\u00fcte in der Welt zu stehen und einfach drauflos zu singen\u201c,\nsagt Theileis. Das klingt einleuchtend, aber nebenbei muss man auch\nnoch locker bleiben, den Po nicht anspannen, den Kopf zur\u00fcck nehmen\nund weiter atmen \u2013 und das nicht nur irgendwie, sondern richtig und\nmit einer Intensit\u00e4t, die wirklich anstrengt. Dabei bekommt nicht\nnur die Stimme einen Waschbrettbauch. Aber wenn dann mal alles klappt\nund der Beckenboden die F\u00fchrung \u00fcbernimmt, dann f\u00fchlt sich der\nTon, der einen durchstr\u00f6mt und in die Welt hinaus hallt, einfach\nenorm an.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nIdee Gesangsunterricht zu nehmen, g\u00e4rte schon l\u00e4nger in mir. Ich\nwollte schon immer singen k\u00f6nnen, traute mich aber nie. Als die\nKinder klein waren, sang ich ihnen zum Einschlafen vor, sonst aber\nkaum, nicht einmal unter der Dusche, aus Angst, die Nachbarn oder\nsonst wer k\u00f6nnten es h\u00f6ren und darunter leiden. Bei Karaoke machte\nich nie mit, egal wie betrunken ich oder die anderen waren. Dabei war\nes keine Frage der Sch\u00fcchternheit, denn ich h\u00e4tte jederzeit nackt\nauf dem Tisch getanzt. Aber singen \u2013 niemals. Am Anfang des Jahres\nwar ich es so leid, mir selbst den Spa\u00df zu verderben, dass ich\nendlich zur Tat schritt. Gleich nach der ersten Stunde bei Ines\nTheileis war ich vollkommen aus dem H\u00e4uschen und komplett angefixt.\nDas mit der K\u00f6rperhaltung kannte ich schon vom Sport, die Handhabung\ndes Beckenbodens vom Sex. Die F\u00e4higkeiten waren also eigentlich\nschon alle da, ich musste sie nur richtig einsetzen lernen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr\nden Anfang einigten wir uns auf 12 Unterrichtsstunden, das Minimum\nf\u00fcr unvorbelastete Sch\u00fcler, um erste Grundlagen notwendiger\nK\u00f6rperbeherrschung und Atemtechnik zu erlernen und die eigene Stimme\nkennen zu lernen. Das Lied-Repertoire ist dabei nicht vorher\nfestgelegt, es kann Jazz, Rock, Pop, klassisches Repertoire oder\nirgendeine andere Form der Musik gesungen werden. Je nach\nGem\u00fctsverfassung darf geschrien, provoziert und geklagt werden,\nHauptsache es kommt von ganzem Herzen. Da kennt Ines Theileis kein\nPardon. Der Gesangsunterricht erscheint mir wie eine sehr angenehme\nund konstruktive Form der Psychotherapie, nur dass es dabei nicht um\nProbleme geht, sondern um richtungsweisende Potentiale. \u201eGerade\nviele M\u00e4nner, die herkommen, bringen eine enorme Emotionalit\u00e4t mit,\ndie sie im Alltag vielleicht nicht so benennen und ausleben. Ich\nfrage mich oft, ob die besungenen Frauen wissen, was f\u00fcr tiefe\nGef\u00fchle diese M\u00e4nner ihnen entgegenbringen\u201c, sinniert Ines\nTheileis. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei\nist Gesang nichts Statisches, das ein Leben lang gleich bleibt. Die\nStimme ver\u00e4ndert sich mit dem Alter und anderen Lebensumst\u00e4nden.\nWer man ist und wo im Leben man gerade steht, spiegelt sich auch im\nGesang wider. Auch das wird beim Unterricht ber\u00fccksichtigt. In der\nSchwangerschaft zum Beispiel singt man viel intensiver. Und wenn man\num die enorme Rolle des Beckenbodens beim Singen wei\u00df, verwundert es\nnicht, dass Gesangsunterricht auch und besonders nach der Entbindung\nhilft, um zum (sexy) Ich zur\u00fcckzufinden, sowohl muskul\u00e4r als auch\nemotional. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcbrigens\nkann alles, was dem Singen dient, auch dem Sprechen zugute kommen.\nWer, statt zu singen, auch beim Sprechen wirklich geh\u00f6rt und ernst\ngenommen werden will, und sei es von den eigenen Teenagern, oder wer\nSchwierigkeiten beim Reden vor einer Menge hat, dem hilft gezieltes\nSprechtraining enorm. F\u00fcr mich ein wunderbarer Nebeneffekt, f\u00fcr den\nallein es sich schon gelohnt hat, Gesangsstunden zu nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\nsinge jetzt fast t\u00e4glich, probiere alles aus, was ich immer schon\nmal singen wollte, und meine Nachbarn k\u00f6nnen sich echt nicht\nbeklagen. Letztens musste ich, um Eintritt zu einer Party zu\nerlangen, am Eingang singen. W\u00e4hrend sich meine Begleiter schwer\ntaten, legte ich sofort los \u2013 ein f\u00fcr mich ph\u00e4nomenaler Erfolg.\nIch freue mich schon auf die n\u00e4chste Karaoke-Gelegenheit \u2013 und auf\ndie n\u00e4chsten Gesangsstunden, die ich mir zu Weihnachten schenken\nlassen werde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was macht eine Stimme erotisch? Wieso verstr\u00f6men Menschen, die auf der B\u00fchne stehen und singen, oft eine fast magische sexuelle Anziehungskraft? Dabei m\u00fcssen sie nicht einmal \u201esch\u00f6n\u201c singen, oft ist sogar das Gegenteil der Fall. 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