{"id":69,"date":"2016-12-02T18:08:05","date_gmt":"2016-12-02T18:08:05","guid":{"rendered":"https:\/\/utegliwa.de\/?p=69"},"modified":"2020-04-30T11:40:43","modified_gmt":"2020-04-30T11:40:43","slug":"flegeljahre-der-sexuellen-revolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/utegliwa.de\/index.php\/2016\/12\/02\/flegeljahre-der-sexuellen-revolution\/","title":{"rendered":"Flegeljahre der sexuellen Revolution"},"content":{"rendered":"\n<p>Bis ins sp\u00e4te Mittelalter wurden\nEhebruch und Unzucht im christlichen Abendland scharf verfolgt und\nbestraft. M\u00e4nner wie Frauen wurden aus Angst vor dem Zorn Gottes\ngleicherma\u00dfen daf\u00fcr an den Pranger gestellt, in die Verbannung\ngeschickt oder gar zum Tode verurteilt. Zuerst herrschte darin eine\ngewisse Geschlechter-Gleichberechtigung, sp\u00e4ter gab man den Frauen\nganz nach biblischem Vorbild die Schuld an dem Laster. Sie galten als\nVerf\u00fchrerinnen unschuldiger M\u00e4nner, als von Natur aus verderbte,\nniedere und sexuell uners\u00e4ttliche Wesen.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend der Zeit der Aufkl\u00e4rung,\ngenauer in der ersten H\u00e4lfte des 18. Jahrhunderts, kehrte sich das\nBild komplett um. Mit dem Einsetzen der hin und wieder als \u201eerste\nsexuelle Revolution\u201c betitelten Periode, von der jedoch in erster\nLinie nur wohlhabende M\u00e4nner von Stande profitierten, kamen die\nLibertins auf. Frauen wurden damit zunehmend \u2013 und oft zu Recht &#8211;\nals hilflose Opfer m\u00e4nnlicher Z\u00fcgellosigkeit angesehen und nicht\nmehr als schamlose T\u00e4terinnen. Im Laufe weniger Dekaden wurden aus\nl\u00fcsternen Dirnen pl\u00f6tzlich keusche reine Wesen, die nur durch die\nunsittlichen sexuellen Begierden der M\u00e4nner zu Unzucht verf\u00fchrt und\nins Ungl\u00fcck gesto\u00dfen wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der in\nBriefform verfasste Roman <em>Fanny Hill<\/em> von John Cleland\n(1709 &#8211; 1789) erschien ganz im Sinne dieser neuen\ngesellschaftskritischen Str\u00f6mung, die m\u00e4nnliche H\u00f6flichkeit,\nZur\u00fcckhaltung und Tugend propagierte und die Literatur und B\u00fchnen\nseit den 1730er Jahren vollkommen beherrschte. Fanny, die als\nunbescholtenes f\u00fcnfzehnj\u00e4hriges Waisenm\u00e4dchen nach London kommt,\nbeschreibt darin unverbl\u00fcmt ihre Lebensgeschichte. Die strotzt zwar\nvor erotischen Details, doch dient dies angeblich nur zur Schilderung\nihres Leides, denn die Umst\u00e4nde zwingen Fanny, ihren Lebensunterhalt\ndurch Prostitution zu verdienen. Tats\u00e4chlich sind die sexuellen\nEinzelheiten deutlich aus m\u00e4nnlicher Perspektive betrachtet, die\nausf\u00fchrlich die weiblichen Reize beschreibt und den M\u00e4nnern au\u00dfer\neiner eindrucksvollen Potenz kaum Attribute mitgibt. Im Laufe der\nZeit entwickelt Fanny gro\u00dfes Geschick und Gefallen an der erotischen\nKunstfertigkeit und unterh\u00e4lt einen h\u00f6chst zufriedenen Kundenstamm.\nAls einer ihrer \u00e4lteren G\u00f6nner Fanny schlie\u00dflich sein Verm\u00f6gen\nvererbt, verl\u00e4sst Fanny das Bordell und heiratet, denn nat\u00fcrlich\nsteht das seelische Gl\u00fcck weit \u00fcber dem k\u00f6rperlichen Genuss, wie\nimmer wieder betont wird. \n<\/p>\n\n\n\n<p><em>Fanny Hill<\/em> ist gleicherma\u00dfen\nf\u00fcr seinen expliziten Text wie die unz\u00e4hligen pikanten\nIllustrationen der unterschiedlichen Ausgaben bekannt. Unmittelbar\nnach seinem erstmaligen Erscheinen 1749 in London wurde das Buch\nverboten, aber wie so oft sorgte der Skandal f\u00fcr Ruhm genug, um das\nWerk unvergessen zu machen \u2013 und nat\u00fcrlich wurde es immer wieder\nheimlich gedruckt und verbreitet. \n<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-medium\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"204\" height=\"300\" src=\"https:\/\/utegliwa.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/kunstst\u00fcck-S11-204x300.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-72\" srcset=\"https:\/\/utegliwa.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/kunstst\u00fcck-S11-204x300.jpg 204w, https:\/\/utegliwa.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/kunstst\u00fcck-S11.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 204px) 100vw, 204px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Diese Aquarell-Zeichnung entstammt einer franz\u00f6sischsprachigen Ausgabe von 1940, die g\u00e4nzlich auf rosafarbenem Papier gedruckt wurde. Seinerzeit war Paul-\u00c9mile B\u00e9cat (1885 \u2013 1960), der Sch\u00f6pfer des Bildes, hochproduktiv im Illustrieren meist erotischer Werke, angefangen von Ovids \u201eLiebeskunst\u201c bis hin zu Voltaires \u201eCandide\u201c. Dass er urspr\u00fcnglich mit \u00d6lportr\u00e4ts zeitgen\u00f6ssischer franz\u00f6sischer Schriftsteller Bekanntheit erlangte, ist \u00fcber seine Karriere als Buchillustrator in Vergessenheit geraten.  <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bis ins sp\u00e4te Mittelalter wurden Ehebruch und Unzucht im christlichen Abendland scharf verfolgt und bestraft. M\u00e4nner wie Frauen wurden aus Angst vor dem Zorn Gottes gleicherma\u00dfen daf\u00fcr an den Pranger gestellt, in die Verbannung geschickt oder gar zum Tode verurteilt. 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