Intimer, vertrauter, tiefer




Tantra ist mittlerweile für viele Menschen ein Begriff, doch was sich genau dahinter verbirgt, lässt sich nicht so leicht in Worte fassen. Erklärungsversuche greifen oft zu kurz, Vorstellungen bleiben schwammig. Meinem Mann und mir ging es nicht anders und so haben wir uns mit Haut, Herz und Seele auf eine Tantra-Session eingelassen.

Ich lernte Janie Swahn in der Urania Berlin nach einer Gesprächsrunde zum Thema „Tantra für Dummies“ kennen. Auf der Bühne wurde sie als „TantraMama“ vorgestellt. Sie sprach begeistert und strahlte so viel Glück aus, dass ich sie hinterher ansprach. Die gebürtige Sachsen-Anhaltinerin lebt inzwischen mit ihrem Mann und Tantra-Partner in Schweden, aber ist regelmäßig in Deutschland bei ihrer Familie in und um Berlin, sodass ein Termin für eine Tantra-Session kein unüberwindliches Hindernis darstellt.

Mein Mann und ich luden Janie zu uns nach Hause zum Essen ein. Da wir uns schon einmal getroffen hatten, ohne dass es zu der geplanten Session gekommen war, kannten wir uns schon etwas. Im Gespräch fragte Janie uns nochmal konkret, was wir uns denn für die Session wünschen würden. So genau konnten wir das gar nicht artikulieren. Zu wenig konnten wir uns darunter vorstellen. Ich sagte, ich würde einfach gern mal wieder etwas Neues lernen und erleben, gemeinsam mit Julian: Wir sind jetzt seit sechs Jahren zusammen und lieben und leben im Allgemeinen sehr harmonisch miteinander, es gibt keine großen Baustellen zu bearbeiten, aber mir ist es wichtig, uns unsere Lust und Neugier zu erhalten und zu pflegen, damit es nicht doch irgendwann langweilig wird.

Nach dem Essen sorgten wir für gemütliches indirektes Licht, auf Janies Geheiß hell genug, dass wir uns noch in die Augen schauen konnten. Sie bespielte unsere Musikanlage mit einer Playlist mit indischen Klängen. Dann ließ sie uns auf unserem Bett Platz nehmen. Julian saß im Schneidersitz mir gegenüber, Janie auf einem Stuhl neben dem Bett.

Wir sollten die Augen schließen, tief ein- und hörbar ausatmen und zunächst nur unseren eigenen Körper spüren und zur Ruhe kommen. Dann bat Janie uns, uns unseren Partner vorzustellen, so wie zu dem Zeitpunkt, als wir uns kennenlernten, bevor wir anfingen, unsere gemeinsame Geschichte zu schreiben, bevor wir uns unsere Liebe gestanden oder stritten oder sich sonst irgendetwas zwischen uns stellte.

Schließlich lud Janie uns ein, einen virtuellen Kokon, eine Love Bubble, um uns zu ziehen. Ich beschrieb die Ausmaße des Kokons mit meinen ausgestreckten Armen. Alles, was wir in unserer Liebesblase nicht gebrauchen konnten, sollten wir nun rauszuschmeißen: Gedanken an die Arbeit oder andere Verpflichtungen, an vergangene Konflikte oder Streitigkeiten oder was auch immer. Dann sollten wir, ebenfalls laut artikuliert, alles in unseren Kokon holen, was wir in unserem Liebesnest bei uns haben wollten. Janie bat uns, dem anderen die Momente zu nennen, in denen wir uns am stärksten mit ihm verbunden fühlen. „Wenn wir miteinander tanzen und ein geiler Track kommt, bei dem ich sofort weiß, dass wir ihn beide toll finden“, fiel mir gleich als erstes ein. „Wenn wir uns eine Woche nicht gesehen haben und uns zum ersten Mal wieder ausziehen und unsere Haut spüren“, sagte Julian. Wir konnten noch mehr aufzählen, und anschließend legten wir uns gegenseitig die Hand aufs Herz, synchronisierten unsere Atmung und spürten einfach nur unsere Liebe von einem zum anderen strömen. Dann erst sollten wir die Augen öffnen und uns ansehen. Ich strahlte meinen Mann vor lauter überströmender Glückseligkeit bis über beide Ohren lächelnd an und sah noch, wie er Tränen der Rührung wegblinzelte.

Nachdem wir uns nun in der richtigen seelischen und emotionalen Verfassung befanden, unsere Aufmerksamkeit nur auf unsere Zweisamkeit gerichtet, wurde es körperlicher. Bei dieser zweigeteilten Übung sollte jeweils nur einer von uns gebender und der andere empfangender Part sein.

Zuerst wollte Julian der gebende Part sein und mich mit seiner Aufmerksamkeit beschenken, das kann er nämlich ausgezeichnet. Ich entschied mich dafür, mich auszuziehen, weil ich gern nackt bin, aber genauso gut hätte ich auch all meine Sachen anbehalten können. Ich legte mich auf den Rücken, eine kuschelige Decke über den Beinen, Julian an meiner Seite. Zunächst sollte er mich nur mit den Augen bewundern, dann erst seine Hand auf mein Herz legen. Ich sollte ihm sagen, was mein Herz gern hören würde. „Ich liebe dich“, zögerte ich keinen Augenblick, denn obwohl ich weiß, dass Julian mich liebt, sagt er es doch selten und mit einer gewissen Scheu. Er sagte es erst ganz leise, dann immer lauter und bestimmter. Schließlich sollte ich mir eine Berührung wünschen. Meinen Hals sollte er dabei küssen, denn auch das kam mir sonst oft zu kurz. Ich rekelte mich wohlig und göttinnengleich unter seinen Worten und Berührungen. Dann sollte seine zweite Hand auf meiner Yoni liegen. Ich konnte die Verbindung zwischen Herz und Yoni und das daraus resultierende Kribbeln spüren. Meine Yoni wünschte sich kichernd zu hören: „Ich mache alles, was du willst“. Also positionierte ich Julians Hand exakt so, wie ich es mir vorstellte, meine gesamte Vulva mit gleichmäßigem Druck und ohne Bewegung bedeckend, und genoss seine ungeteilte Zuwendung und die fortwährend wiederholten Worte. Als Abschluss dieser Session wünschte ich mir, nackt und eng umschlungen mit Julian zu knutschen.

Anschließend tauschten wir unsere Plätze. Ich schlüpfte in Julians Pullover, während er sich nackt auf den Rücken legte. Ich kniete mich neben ihn, um ihn gut ansehen und berühren zu können. Im Gegensatz zu mir fiel es ihm enorm schwer, sich etwas Konkretes zu wünschen. „Es ist alles gut, so wie es ist, mehr brauche ich nicht“, lenkte er ab, doch Janie ließ nicht locker, bis er seine Wünsche äußerte. Sein Herzenswunsch rührte mich sehr, denn er wollte von mir hören: „Mein Herz fühlt sich sicher bei dir“, was ich ihm aus tiefstem Herzen versichern konnte. Berührt werden wollte er „überall“, also streichelte ich seinen ganzen Körper, während ich ihm den Satz mit jeder nur denkbaren Betonung vortrug. Auch Julians Lingam war offenbar wunschlos glücklich und konnte sich nur mit großer Überwindung etwas wünschen.

Janie bestand darauf, dass er sich konkrete Wünsche überlegte und artikulierte. „Wenn du keine eigenen Wünsche äußerst, bürdest du deiner Partnerin die ganze Verantwortung auf. Dann muss sie rätseln, was dir wohl gefällt und weiß nicht, was dir vielleicht noch besser gefiele. Wie wollt ihr euch so weiterentwickeln? Indem du deine Wünsche äußerst, übernimmst du selbst Verantwortung.“

Ich jubilierte innerlich, als Janie ihm das so klar und einfach auseinandersetzte. Oft schon hatte ich Julian danach gefragt, ob es noch irgendwelche heimlichen unerfüllten Fantasien gäbe, die wir zusammen umsetzen könnten. Oder ob ich ihn denn nicht mal mit verbundenen Augen ans Bett fesseln und liebkosen sollte. Oder ich fragte ihn, wie ihm dieser oder jener Handgriff gefiele, aber er sagte im Prinzip immer nur: „Alles was du tust, ist toll, egal wie du mich anfasst.“ Das ist zwar einerseits ein großes Kompliment, aber über eine konkrete Handlungsanweisung ab und zu würde ich mich auch sehr freuen. Schließlich hatte sich Julian oft über verflossene Partnerinnen beschwert, die nicht sagen konnten, was ihnen gefiel, bei denen er im Dunkeln tappen musste, anstatt klaren Anweisungen folgen zu können. Ich habe oft sehr konkrete Wünsche: Heute kraul mir bitte den ganzen Körper, heute nimm das Seil, öl mich ein, mach heute ganz langsam, leck mich, ich will mich hinknien und nach hinten an dich lehnen … Ich liebe es, wenn Julian nach meinen Vorstellungen mit mir spielt, was er hervorragend kann, und würde ihm das gern zurückgeben. Wenn er mir sagte: „Heute wünsche ich mir, dass du dieses oder jenes mit mir tust“, ich würde mich begeistert in Aktion stürzen. Weil er das nicht tut, bleiben wir unter unseren Möglichkeiten, denn so muss ich die ganze Denkarbeit leisten, meine Fantasie auch für ihn ankurbeln, überlegen, wonach ihm der Sinn stehen, was ihm heute gefallen könnte. Das ist auf Dauer anstrengend, sich immer was einfallen zu lassen.

Durch unsere Session hat Julian nun selbst gemerkt, dass er seine Stimme finden und kultivieren muss, damit wir unsere Beziehung noch intensivieren und vertiefen können. Da wir bereits eine sehr sinnliche und erfüllte Sexualität miteinander genießen, hatte ich gar nicht geglaubt, dass uns Tantra so viel weiterbringen würde, aber wie Janie uns versicherte: Es geht immer noch besser und tiefer!

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