Damit unsere harmonische Liebesbeziehung trotz aller Gemütlichkeit aufregend bleibt, gehen mein Mann und ich ab und zu auf die Suche nach neuer Inspiration für unser Liebesleben. Letztes Jahr haben wir uns deshalb bei einer Tempelnacht bei Jarla und Maximilian Wolf angemeldet, lange im Voraus, denn die Veranstaltungen sind begehrt. Wie es bei so einem Tempel zugeht, wussten wir zu dem Zeitpunkt selbst noch nicht so genau.

Berlin Kreuzberg, zweiter Hinterhof, oberste Etage. Es ist Zeit für unser neues Beziehungsabenteuer. Jarla und Max schreiben in ihrer Einführung zu den Tempelnächten sinngemäß, dass es Veranstaltungen in einem geschützten und wertschätzenden Rahmen sein sollen, in dem jede Person sich selbst und seine Mitmenschen mit allen Sinnen erleben und neu entdecken, die eigenen Grenzen spüren und spielerisch vielleicht sogar ein wenig erweitern kann. Wie sexuell diese sinnlichen Momente und Erfahrungen am Ende tatsächlich werden, liegt bei jedem einzelnen selbst. Wir sind gespannt.
Mein Mann und ich sind schon relativ spät dran, wir haben auf dem Weg erst noch Powerbällchen fürs Buffet der Tempelnacht besorgt. Im Umkleideraum liegen schon überall Häufchen mit Rucksäcken und Klamotten und fast alle Fächer sind schon belegt. Erst hier vor Ort entscheide ich mich für das Outfits des Abends, derer ich mehrere in der Tasche habe. Es scheint, dass alle hier eher bequeme Hippie-Klamotten tragen, keiner ist a la KitKat Club aufgebrezelt. Es wird also ein figurumschmeichelndes aber gemütliches kurzes Wickelkleid. Mein Mann trägt nur einen Sarong um die Hüften. Wir stellen unsere Powerbällchen auf das Buffet im Vorraum und gesellen uns zu allen anderen in den großen Hauptraum, in dem Matten zu verschiedenen Inseln gruppiert sind. In der Mitte des Raumes liegen auf Tüchern die Utensilien, die während des Abends benutzt werden können. Zum Streicheln gibt es Federn, zum Massieren Öl, für härtere Zärtlichkeiten Nadelräder und Schlagwerkzeuge. Es gibt Augenbinden, Fesseln, Kondome und jede Menge Sexspielzeuge aller Art.
Zu Beginn laden die Veranstalter Jarla und Maximilian Wolf, ein attraktives Paar in ihren Dreißigern, alle Teilnehmenden ein, sich in einen großen Kreis zu setzen. Es sind in etwa 40 Personen, altersmäßig ist von Anfang Zwanzig bis Ende Fünfzig alles dabei. Wir sind erleichtert, dass wir nicht die einzigen graumelierten Menschen im Raum sind. Auch gendertechnisch scheint die Gruppe gut gemischt. Ich stelle außerdem fest, dass entgegen meiner Erwartung, dass hauptsächlich Paare hier sein würden, die meisten ohne Partner gekommen sind.
Jarla und Maximilian verkünden zunächst den Ablauf der Veranstaltung, die insgesamt etwa fünf Stunden dauern soll. Es soll mehrere Übungsrunden mit dazwischenliegender Pause geben und anschließend einen freien Spielteil. Über zwei der Matteninseln hängen wie ein Dach Tücher, das werden nachher beim freien Spiel die Zonen für Privatsphäre sein. Wer sich dorthin begibt, signalisiert, dass er mit seinem Partner oder seiner Gruppe ungestört bleiben möchte. Auf der großen zentralen Matteninsel dagegen kann auf freundliche Anfrage hin miteinander interagiert werden.
Alle Übungen sind lediglich als Einladung zu verstehen, betonen die beiden immer wieder. Niemand soll irgendetwas tun, womit sie oder er sich nicht wohlfühlt. Jeder kann jederzeit aussteigen oder pausieren, sich an die Seite setzen oder draußen etwas essen oder trinken. Im freien Spielteil am Ende ist alles erlaubt, was zwischen den Spielenden im Einverständnis passiert. Auch penetrativer Sex ist erlaubt, auch wenn der Fokus nicht darauf liegen soll, sondern eher allgemein auf dem sinnlichen Erleben aller Arten von Berührungen und Eindrücken.
Die erste Übung besteht einfach nur darin, sich durch den Raum zu bewegen und einander unbefangen zu begegnen. Alle mustern einander zunächst vorsichtig, viele lächeln aber von Beginn an offen. Ich treffe auf niemanden, der mir unangenehm erscheint. Auch mein Mann ist sehr vom Publikum angetan. Es sind alles authentisch wirkende Menschen, keine Poser, keine Machos, keine Creeps. Im Hintergrund läuft unaufdringliche Musik und Jarla und Maximilian begleiten das Geschehen aufmerksam und geben Aufmunterung und Anregungen für die Begegnungen in der Gruppe. Der große Eisbrecher ist aber erst die nächste Übung, bei der wir uns zu zufälligen Vierergruppen zusammentun, um miteinander zu tanzen. Immer eine Person steht in der Mitte und lässt sich von den anderen dreien bewundern und huldigen. Diese Übung währt vier Songs lang, damit jeder einmal dran ist. In meiner Gruppe können alle wunderbar loslassen und wir werden immer alberner und ungezügelter. Am Ende ist der Raum gefüllt mit schwerem Atem und erleichtertem Lachen. Ganz langsam werden die Übungen intimer. In Dreiergruppen geht es zum Beispiel um Berührung, immer eine Person, die bestimmen darf, wo und wie berührt wird, kommt in den Genuss vierer Hände. Da ich gern nackt bin, ziehe ich mich aus und lege mich mit geschlossenen Augen bäuchlings auf die Matte. Eine Frau kniet links von mir, ein Mann zu meiner Rechten und ich genieße das Streicheln auf meiner Körperrückseite. Als plötzlich etwas Kaltes meine Lippen berührt, erschrecke ich leicht. Es sind gefrorene Obststücke, die mir an den Mund gereicht werden. Ich lecke und sauge den auftauenden Saft von dem kleinen Holzspießchen. Meine Spielpartnerin fragt, ob sie mit dem Eis meinen Po streicheln darf, aber ich verneine, das sei mir zu kalt. Auch verbale Übungen gibt es, zum Beispiel die, in der es darum geht, die eigenen Grenzen zu kommunizieren und seinen Spielpartner zu bitten, sich diesen achtsam zu nähern.
Im zweiten Teil der Tempelnacht geht es darum, alle Sinne geballt zu aktivieren. Dazu sollen wir uns einen neuen Partner suchen. Mir gegenüber sitzt ein junger Mann mit schönen hellen Augen, der mir schon in der Begrüßungsrunde aufgefallen war. Zunächst sehen wir einander an. Wir sollen uns auf einzelne Teile des Gesichts fokussieren und uns diese einprägen, als sollten wir sie später aus dem Gedächtnis malen. Danach sollen wir die Augen schließen und uns auf den Geruchssinn konzentrieren. Jarla und Maximilian schlagen vor, unsere Gesichter ganz langsam aufeinander zuzubewegen und genau zu bemerken, ab wann wir den Geruch des anderen wahrnehmen und ihn dann einfach aufzunehmen. Wir schnuppern einander an den Händen, am Hals, an den Haaren. Anschließend, die Gesichter dicht beieinander, den Mund nahe dem Ohr unseres Gegenüber, sollen wir kleine Geräusche von uns geben, Seufzer, Schmatzer, Schnurren, Quietschen, alles, was uns einfällt. Aus allen Richtungen ist gelöstes Gekicher zu hören. Die Albernheit scheint zu verbinden. Jarla und Maximilian laden alle, die dazu bereit sind, dazu ein, als letztes noch den Geschmackssinn in die Begegnung zu integrieren. Ich hatte zum Beginn des Abends eigentlich nicht vorgehabt, einen fremden Menschen zu küssen, denn einen Kuss empfinde ich als extrem intim, aber mit meinem sehr sympathischen Gegenüber, der mich die ganze Zeit anstrahlt, will ich es jetzt doch versuchen. Wir lecken an unseren Unterarmen, küssen vorsichtig die Ohren und tasten uns unter Jarlas sanfter Anleitung mit unseren Lippen langsam an den Mund des anderen heran. Der abschließende Kuss fühlt sich an, als würden wir uns schon lange kennen.
Für die letzte Übung, die direkt ins freie Spiel übergehen kann, treffe ich wieder mit meinem Mann zusammen. Ich hatte im Vorfeld darum gebeten, dass wir an dem Abend keinen Sex mit anderen haben würden. Mein Mann würde sehr gern mal mit einem anderen Paar Sex haben, aber ich tue mich damit schwer. Ich habe als junge Frau sehr viel Sex mit vielen Männern gehabt, aber das Bedürfnis nach fremder Haut habe ich in den letzten Jahren verloren und auf Frauen – auch das habe ich ausprobiert – habe ich sowieso noch nie so richtig gestanden. Ich bin eigentlich auch ganz froh, dass meine Libido, die mich oft in Schwierigkeiten gebracht hat, nicht mehr so übergriffig ist. Meinem Mann habe ich trotzdem schon vor längerer Zeit versprochen, dass wir seinen Wunsch irgendwann einmal umsetzen, aber nicht heute.
Überall finden sich Grüppchen und Paare zusammen. Die kleinen überdachten Inseln sind schnell belegt. Wir legen uns auf die zentrale Matteninsel, auf der noch viel Platz ist. Wir sind eingeladen, uns Utensilien aus der Mitte zu nehmen und alles auszuprobieren, was wir möchten. Wir testen Nadelräder und Stachelbälle auf diversen Körperstellen und merken unisono, dass wir beide für sanft kitzelnde Staußenfedern am empfänglichsten sind. In vielen anderen Grüppchen werden Schlagwerkzeuge ausprobiert, überall hört man das Klatschen von Leder auf Haut und Stöhnen und Gelächter. Nach einiger Zeit gesellt sich nach höflicher Anfrage ein anderer Mann zu uns. Zu dritt streicheln wir einander, was sehr schön ist, aber zu mehr fühle ich mich nicht hingerissen. Rechts und links neben uns wird inzwischen erstaunlich zielorientiert gevögelt, was mich überrascht, da der Fokus ja eher auf achtsamen Berührungen liegen soll, wie Jarla und Max im Laufe des Abends immer wieder betont haben. Mein Mann und ich fingern und knutschen, aber das Klatschen und Stöhnen zu allen Seiten lenkt mich eher ab als dass es meine Erregung bereichert. Schräg gegenüber sehe ich eine Dreiergruppe aus den Augenwinkeln. Ein Paar in unserem Alter hat sich eine zweite Frau in ihre Mitte geholt und spielt mit ihr. Er liegt zwischen ihren Schenkeln und streichelt und küsst ihre Vulva, was sehr lustvoll aussieht und sich auch so anhört. Trotzdem bringt mich die Reizüberflutung aus meiner eigenen Lust raus und mein Mann und geben ich unser Liebesspiel irgendwann auf.
Stattdessen machen wir uns mit anderen Aussteigern im Vorraum über die Reste des Buffets her. Eine halbe Stunde loungen wir auf dem Sofa dort und quatschen, denn Jarla und Max haben darum gebeten, möglichst bis zum Schluss zu bleiben und an der Schlussrunde teilzunehmen. Die beiden bitten alle noch Spielenden darum, allmählich zum Ende zu kommen und sich wieder in einem großen Kreis zusammenzufinden. Aus allen Ecken des Raumes kriechen Teilnehmer hervor und setzen sich in die Runde, die nun deutlich entspannter und gelöster als am Anfang ausfällt. Es sind tatsächlich noch alle da. Und so wie alle strahlen, hatten offenbar alle einen guten Abend.
Wieder angezogen auf der Straße kehren wir in einen Imbiss ein, der direkt nebenan liegt. Neben uns am Tisch steht zufällig das Paar aus der Dreiergruppe von schräg gegenüber. In Schal und Mütze hätten wir einander fast nicht erkannt. „Ach ihr seid es“, spricht er uns an, „mit euch hätten wir auch gern gespielt.“ Im Gespräch sind sie mir sehr sympathisch, stelle ich fest. Hinterher denke ich, ja, wenn die Veranstaltung jetzt noch weitergehen würde, würde ich mich auch auf die beiden einlassen können. Fünf Stunden scheinen eine lange Zeit, aber für mich eben nicht lange genug, um von Null auf Hundert zu beschleunigen. Mit Wildfremden in die Kiste zu gehen, reizt mich eben überhaupt nicht mehr.
Mein Mann und ich beschließen, irgendwann nochmal eine ähnlich geartete Veranstaltung zu besuchen, dann allerdings in einem größeren Rahmen über mehrere Tage. Da kann ich mich dann wirklich gaaanz langsam an neue Menschen rantasten. Für den Anfang war diese Tempelnacht aber gerade richtig. Jarlas und Maximilians einfühlsame und humorvolle Begleitung durch die Veranstaltung hat den Abend zu einer wirklich schönen Erfahrung werden lassen.